Deutschlands Tradition der Waldeinsamkeit trifft auf zehn neue, selbstgeführte Waldbaden-Routen in den Stadtwäldern von Vilnius – nur wenige Minuten von der UNESCO-Welterbe-Altstadt entfernt.
Vilnius, die von Wäldern umgebene europäische Hauptstadt, hat zehn Waldbaden-Routen ausgewiesen, die einen Städtetrip in eine Auszeit in der Natur verwandeln – ohne die Hauptstadt zu verlassen und nur wenige Minuten von der UNESCO-geschützten barocken Altstadt entfernt.
Vilnius, 2025 zur Grünen Hauptstadt Europas ernannt, hat die Routen kürzlich eröffnet und lädt Besucherinnen und Besucher dazu ein, die Wälder der Stadt selbstständig und im eigenen Tempo zu entdecken.
„Das Besondere an Vilnius ist, dass man für das Waldbaden die Hauptstadt nicht verlassen muss. 61 % der Stadtfläche sind von Grün geprägt, und geschützte Landschaften ziehen sich mitten durch die Stadt – Natur ist hier bereits Teil des urbanen Erlebnisses“, sagt Eglė Girdzijauskaitė, Head of Communication bei Go Vilnius. „Die neuen Routen sind nur etwa zwei bis vier Kilometer lang, doch es geht nicht darum, sie möglichst schnell zurückzulegen. Wir ermutigen die Besucherinnen und Besucher, zwei bis drei Stunden durch den Wald zu streifen, Baumrinde zu berühren, am Wasser zu sitzen, den Vögeln zuzuhören und jene kleinen Details wahrzunehmen, an denen man sonst vielleicht einfach vorbeigehen würde.“
Auch Deutschland verbindet eine lange kulturelle Beziehung mit seinen Wäldern. Das romantische Konzept der Waldeinsamkeit brachte das Gefühl von Ruhe, Selbstbesinnung und Naturverbundenheit zum Ausdruck, das sich beim Alleinsein unter Bäumen einstellt, und wurde eng mit Literatur und Kunst der Romantik im 19. Jahrhundert verknüpft. Diese Verbindung ist bis heute relevant: Eine aktuelle Studie ergab, dass fast 35 % der deutschen Reisenden Natur als entscheidenden Faktor bei der Wahl eines Reiseziels ansehen.
„Shinrin-yoku, also Waldbaden, hat seinen Ursprung in Japan. Zeit im Wald zu verbringen – etwa beim Radfahren oder Camping – gehört in Litauen jedoch seit Langem zum Alltag“, sagt Liudas Basiulis, Waldtherapie-Begleiter und Spezialist für Waldbaden-Routen. „Der Unterschied liegt in der Art des Erlebens: Man wird langsamer und richtet die Aufmerksamkeit bewusst auf das, was man sehen, hören und fühlen kann, statt einfach nur durch den Wald zu gehen. In Vilnius bedeutet das, alles wahrzunehmen – von rund 81 Vogelarten in den geschützten Grünflächen bis zu Wildlachsen, die jedes Jahr aus der Ostsee zurückkehren, um im sauberen, sauerstoffreichen Fluss Vilnelė zu laichen.“
Die neuen Wege – drei davon auch auf Englisch verfügbar – nutzen diesen natürlichen Vorteil. Sie führen durch von Gletschern geformte Hügel und Schluchten rund um den 65 Meter hohen Pūčkoriai-Aufschluss im Regionalpark Pavilniai, nur fünf Kilometer von der Altstadt entfernt. Eine weitere Route durch das Waldgebiet führt zudem an Resten des Verteidigungssystems der Stadt aus dem 20. Jahrhundert vorbei, darunter polnische Schützengräben und ein Stahlbetonbunker. Viele dieser Naturräume lassen sich auch über den 100 Kilometer langen Rundwanderweg der Stadt erkunden.
Drei kürzlich vorgestellte Waldbaden-Routen in Vilnius:
Die Schluchten des Kalnų-Parks. Die dem historischen Zentrum von Vilnius nächstgelegene der drei Routen beginnt nahe der Dailės akademija (Kunstakademie, Maironio g. 6), etwa sieben Gehminuten vom Kathedralenplatz entfernt. Von dort führt sie hinab in das Vilnia-Tal, das vom schnell fließenden Fluss Vilnia im Stadtzentrum geprägt wird, und durch die bewaldeten Schluchten des Kalnų-Parks (Hügelpark, in dem sich der markante Hügel der Drei Kreuze befindet). Die Route umfasst steile Abschnitte und ist damit eher ein sinnliches Walderlebnis als ein gewöhnlicher Stadtspaziergang. Der Blick auf die Stadtlandschaft lohnt den Anstieg jedoch.
Landschaftsschutzgebiet Karoliniškės. Die Route beginnt rund 30 Minuten mit öffentlichen Verkehrsmitteln vom Zentrum von Vilnius entfernt, nahe dem Fernsehturm (Sausio 13-osios g. 10) am Plikakalnis-Aufschluss, einem 58 Meter hohen Naturdenkmal mit Blick über das Neris-Tal. Von der Aussichtsplattform eröffnet sich ein weiter Blick auf den Fluss, den Vingis-Park und Vilnius, bevor die Route wieder in eine Landschaft aus steilen bewaldeten Hängen, tiefen Erosionsrinnen und alten Eichen hinabführt. Unterwegs wechseln sich steile Waldhänge, tiefe Schluchten und alte Eichen ab; immer wieder reichen die Ausblicke bis zum Neris und zum historischen Vingis-Park.
Regionalpark Verkiai. Die etwa 2,5 Kilometer lange Route beginnt an der Žaliųjų Ežerų g. 3 und führt in die Wälder des Regionalparks Verkiai. Unterwegs liegen der neoklassizistische Verkiai-Palast aus dem 18. Jahrhundert sowie einige steilere Abschnitte. Vom Kathedralenplatz aus ist der Startpunkt mit öffentlichen Verkehrsmitteln in ungefähr 40 Minuten zu erreichen. Die Route beginnt nahe dem Gebiet der Grünen Seen, einer der größeren und außergewöhnlichen Naturlandschaften der Hauptstadt, wo Besucherinnen und Besucher Sandstrände genießen können, die mit der Blauen Flagge ausgezeichnet sind.
Die Waldbaden-Routen sind über die von der Stadt unterstützte Erlebnisführer-Initiative Neakivaizdinis Vilnius verfügbar. Dort finden Besucherinnen und Besucher Karten, Wegbeschreibungen und Koordinaten für die selbstständige Erkundung.
Für deutsche Reisende macht diese Kombination Vilnius zu einer Alternative zu einem klassischen Wellnessaufenthalt auf dem Land. Die Stadt ist von acht deutschen Flughäfen, darunter Berlin und Frankfurt, per Direktflug in rund zwei Stunden erreichbar; Altstadt und Wälder lassen sich dabei bequem in ein gemeinsames Wochenendprogramm integrieren.